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Politik
Frankfurter Allgemeine Zeitung,
20.04.2006, Nr. 92, S. 5
Starke Schüler, schwache Konflikte
Frankfurter Hauptschulen versuchen, den Jugendlichen eine Art Familie zu
sein /
"Kein Gewalt-,
sondern ein Leistungsproblem" / Von Lisa Uphoff

Pause! Auf dem Hof der Sophienschule
in Frankfurt fotografiert von Rainer Wohlfahrt
FRANKFURT, im April. Die Fäuste schützend vor das Gesicht gehoben,
erwartet der Halbwüchsige den ersten Schlag. Sein Gegenüber holt aber
gar nicht aus. "Mir tuste nicht provozieren, Alter", sagt der
vermeintliche Gegner. Er dreht sich um und geht. Szenen wie diese
spielen sich oft auf den Schulhöfen von Frankfurter Hauptschulen ab. Von
einer Eskalation der Gewalt wie in Berlin kann hier nicht die Rede sein.
Das bestätigen Polizei, Schulleiter, Verbände und Schuldezernat in
seltener Einmütigkeit. Entwarnung für die Zukunft will aber niemand
geben
Der wackelige Frieden beruht auf einer Mischung verschiedener Modelle
zur Gewaltprävention. Frankfurts Hauptschulleiter jammern nicht mehr
über Zuständigkeiten, gesellschaftliche Veränderungen oder Schulsysteme.
Frankfurter Hauptschulen bieten Schülern, was sie zu Hause oft nicht
haben und was viele ihrer Altersgenossen vermissen: eine
familienähnliche Struktur, eine Erziehung, die sich am traditionellen
Muster orientiert, und ein "normales" Leben. Der Bildungsauftrag kommt
dabei aber manchmal zu kurz.
"Wir haben kein Gewalt-, sondern ein Leistungsproblem", sagt Hans-Rolf
Eifert, Leiter des Staatlichen Schulamtes Frankfurt. Beim Vergleich von
Abschlußarbeiten stehe die Stadt mit ihren 80 000 Schülern immer wieder
"grottenschlecht" da. Der wichtigste Grund dafür sei, daß die Schulen
eine "riesige Integrationsarbeit" leisten müßten. "Die Vermittlung von
Wissen bleibt da schon mal auf der Strecke." Vor allem die Leistungen
der Kinder der dritten und vierten Einwanderergeneration würden immer
schlechter. Lehrer in Frankfurt, heißt es im Schuldezernat, müßten
ständig neu entscheiden, ob sie Fachunterricht machen oder der
Gewaltprävention und "Unterweisung in sozialer Kompetenz" den Vorzug
geben.
"Ohne Frieden in der Klasse ist kein Unterricht möglich", sagt Monika
Lack, Leiterin der Karmeliterschule im Bahnhofsviertel, einer
"Brennpunktschule" für Grund- und Hauptschüler. Die Karmeliterschule hat
den höchsten Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund in ganz
Frankfurt, mehr als 95 Prozent. Monika Lack schätzt die "Frankfurter
Atmosphäre": Schuldezernat, die beiden Jugendkoordinatoren der Polizei,
Vereine und das in der Bundesrepublik einzigartige Amt für
multikulturelle Angelegenheiten arbeiteten eng zusammen.
Auch Sprachprogramme sollen Gewalt vermeiden helfen. Sie tragen Namen
wie "Frühstart", "Koala" (Koordinierte Alphabetisierung im
Anfangsunterricht für Kinder mit türkischer Herkunftssprache) oder "Meine-Deine-Unsere-Sprache".
Die meisten der 156 Frankfurter Schulen haben ein Mentorensystem. Lehrer
und Schüler können Fortbildungskurse in Mediation besuchen. Alle zwei
Jahre wird der Friedenspreis der Frankfurter Schulen verliehen. Das
Schuldezernat und das Jugendamt investieren im Jahr 1,8 Millionen Euro
in die Schulsozialarbeit.
An der Paul-Hindemith-Gesamtschule widmen sich die Schüler schon in
Klasse 5 vier Tage lang dem Thema Gewalt, auf daß die 41 Nationalitäten
dort einträchtig zusammenleben. In Klasse 7 haben die Schüler zwei
Wochenstunden im Fach "Konflikte lösen lernen". Schulsozialarbeiter
leiten eine "Schüler-Streit-Schlichter-Arbeitsgemeinschaft". Die
Hindemith-Schule ist eine "Teamschule": Acht bis zwölf Lehrer begleiten
einen Jahrgang über die gesamte Schullaufbahn hinweg. Das soll
Anonymität abbauen und die Gewaltbereitschaft senken.
Die Programme seien nur ein "Notfall-Instrument", sagt Monika Lack von
der Karmeliterschule. "Wir sind hier eben Familienersatz, ob wir das gut
finden oder nicht." Die Mutter dreier Kinder ist für ihre 85
Hauptschüler eine Art Pflegemutter. Wenn mittags die Schulglocke
schrillt, stürmen die Schüler nicht gleich nach Hause. Viele wollen gar
nicht gehen: "Wenn einige unserer Mädchen erst einmal zu Hause sind,
dürfen sie den ganzen Tag nicht mehr raus, und auch den Jungen ist es
außerhalb der Schule langweilig."
Auch Felix Weilbächer, Leiter der Friedrich-Stoltze-Schule, will Leben
in sein Haus bringen. 80 Prozent der Schüler seiner Hauptschule sind
Migrantenkinder. Viele von ihnen verfügten nur noch über einen "Second-Hand-Erfahrungsschatz",
vermittelt durch Fernsehen und Computer. Zu Hause bekämen sie weder
Anregungen noch Förderung. Für solche Kinder sei gemeinsames Kochen und
Essen ein außergewöhnliches Erlebnis, eine Tour mit dem Ruder- oder
Segelboot könne Gesprächsstoff für Monate bieten. Weilbächers
Schlagworte lauten "Beteiligungskultur" und "Erlebnispädagogik". Sie zu
verwirklichen, meint der Schulleiter, sei in Ganztagsschulen am besten
möglich. Die Lehrer versuchten, "das Ich des Schülers zu stärken". Die
Formel der Stoltze- Schule erscheint ganz einfach: starke Kinder,
schwache Konflikte.
Dazu gehöre neben emotionaler Nähe und einem anregenden Leben vor allem
eine gute Erziehung. Da sind sich Lack und Weilbächer mit dem Leiter der
Sophienschule, Hans Werner Jorda, einig. Von den 250 Schülern der
Hauptschule hat kaum einer, ganz gleich ob Ausländer oder Deutscher, ein
intaktes Elternhaus. Die Diskussion über Integration hält Jorda für
vorgeschoben. Es gebe nicht ein Integrations-, sondern ein
Schichtenproblem. Verhaltensauffälligkeiten gebe es in allen
Nationalitäten. Den Kindern fehlten Vorbilder, zu Hause erwarteten sie
Prügel beim geringsten Anlaß - oder aber völliges Desinteresse. "Würde
ich hier bei uns ein Internat zum Sondertarif anbieten, die Eltern
würden mir die Bude einrennen, um ihre Kinder abzugeben."
Also müsse die Schule den erzieherischen Rahmen bieten, und zwar nach
traditionellen Mustern. Jorda und seine 16 Lehrer schauen nicht weg. Sie
greifen sofort ein, isolieren den Täter von den anderen, sprechen über
Konflikte, setzen Konsequenzen durch. Was eine Grenze überschreitet, muß
genau festgelegt sein: Sind Mütze auf dem Kopf und Kaugummi im Mund im
Unterricht schon nicht mehr akzeptabel? Oder ist das Verhalten erst dann
nicht mehr akzeptabel, wenn ein Schüler den Lehrer nicht richtig
begrüßt? Nichts dürfe dem Zufall überlassen werden. Die Jugendlichen
brauchten Grenzen, die nur noch ihre Schule ihnen biete.
So richtig sei eine solche Erziehung nur in einem kleinen, eben
familiären System möglich, gibt Jorda zu. Nur kleine Schulen
garantierten auch kleine Probleme. "Bei 500 Schülern müßte ich den Laden
zumachen." So aber könne er die Gewalt in der Schule noch eindämmen und
sich sogar um die Zukunft der Schüler kümmern. Er will sie davor
bewahren, daß sie nach dem behüteten Leben im Schutzraum Schule
resignieren. Durch Verbindungen zur Wirtschaft wird versucht, möglichst
vielen Jugendlichen einen Ausbildungsplatz zu verschaffen.
Schlägereien gibt es in der Sophienschule kaum noch, Messer werden nur
noch selten gefunden. Dafür nehmen Verbalattacken und Mobbing zu. Nach
Schulschluß sei auch die Gewaltbereitschaft schnell wieder da. Es braue
sich eine explosive Stimmung in der Frankfurter Nordweststadt zusammen,
sagt Jorda. In den nächsten Jahren könnte die Stimmung dort eskalieren.
Jorda fürchtet sich nicht so sehr vor Berliner Verhältnissen auf
Frankfurter Schulhöfen. Er hat Angst vor Pariser Vorstadt- Verhältnissen
auf manchen Straßen in Frankfurt.
Alle Rechte vorbehalten. (c) F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Titelseite Rhein-Main-Zeitung
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.05.2006, Nr. 123, S. 45
Langsamer Abschied von der Hauptschule
Künftig nur noch Mittelschulen und Gymnasien? / Lehrerverband und
Schulleiter warnen vor Folgen
uph. FRANKFURT. Die neue schwarz-grüne Koalition in Frankfurt will
gemeinsam mit der Wirtschaft und dem Staatlichen Schulamt Qualität und
Image der Hauptschulen verbessern. Kernpunkte des Konzeptes, das noch
ausgearbeitet werden muß, sind mehr Praxisbezug und der Ganztagsbetrieb
(siehe Kasten). Die "Hauptschule der Praxis" sei ein "Sofortprojekt"
sagt Michael Damian, Sprecher von Schuldezernentin Jutta Ebeling (Die
Grünen). Langfristig werde diese Schulform in Frankfurt aber nicht
bestehen können, darin ist sich Damian mit dem Leiter des Staatlichen
Schulamtes, Hans-Rolf Eifert, sowie etlichen Schulleitern einig. Schon
heute kämpfen einige Frankfurter Hauptschulen wegen geringer
Anmeldezahlen ums Überleben. Hauptschule, Realschule und Gesamtschule
würden künftig zu einer Mittelschule vereinigt, allein die Gymnasien
blieben eigenständig, glaubt Damian. "Absolut schädlich" findet dagegen
Manfred Timpe, Vorsitzender des Verbands der Lehrer, diese
wahrscheinliche Entwicklung und nennt die Hauptursache: "Die
Integrierten Gesamtschulen bluten die Hauptschulen aus."
Schon seit längerem werde das Image der Hauptschule als "Restschule"
wegen der schwierigen Klientel trotz des großen Engagements der
Hauptschullehrer immer schlechter, so Timpe, selbst Leiter der
Falk-Realschule. Doch habe in Frankfurt zudem ein Ansturm auf die
Gesamtschulen eingesetzt. "Die Eltern bevorzugen die ganztägige
Betreuung in den Gesamtschulen, die vom Schulträger, also der Stadt
Frankfurt, bewußt forcierte bessere finanzielle und personelle
Ausstattung dieser Schulen sowie die Tatsache, daß dort anders als an
Gymnasien die Schulzeit nicht verkürzt werden muß", resümiert Timpe.
Außerdem würden viele Grundschullehrer wegen unangenehmer Diskussionen
mit den Eltern davor zurückschrecken, eine Empfehlung für die
Hauptschule zu geben und die Eltern lieber auf die Gesamtschulen
verweisen. In Frankfurt würde der "klassische Hauptschüler" meist eine
Integrierte Gesamtschule (IGS) besuchen. Timpe glaubt, daß bis zu 40
Prozent der Kinder jedes Jahrgangs auf Hauptschulen gehen sollten, aber
nur vier Prozent aller Frankfurter Schüler tun dies tatsächlich. Neben
den bereits existierenden sechs Integrierten Gesamtschulen gibt es wegen
der großen Nachfrage künftig eine neue IGS in der alten Herderschule.
Die Einführung einer Mittelschule wäre für Timpe "sehr bedauerlich". Er
sieht darin "das Durchdrücken der IGS mit anderem Namen und auf neuem
Weg". Denn wurde in den achtziger Jahren die Diskussion um die richtige
Schulform mit ideologischen Argumenten geführt, seien es jetzt
praktische Gründe wie die desolate Situation der Hauptschulen. Erstes
Opfer sei die Nidda-Schule, an der es künftig keinen Hauptschulzweig
mehr geben werde, andere Schulen kämpften gerade für die Jahrgangsstufe
5 um jeden Schüler. In den Jahrgängen 7 und 8 füllten sich die Klassen
wegen der Querversetzungen von anderen Schulformen dann meist wieder.
Fortsetzung auf der folgenden Seite.
Nur in einem differenzierten, also dem dreigliedrigen Schulsystem "kann
jeder Schüler optimal gefördert werden", glaubt Timpe. In einer IGS
stehe ein Kind in permanenter Konkurrenz zu seinen Mitschülern. Er hofft
darauf, daß das Sofortprogramm für die Hauptschulen helfen wird, und
richtet einen Appell an die Wirtschaft, "sich wieder auf Hauptschüler
einzulassen".
Auch der Leiter der Friedrich-Stoltze-Schule, Felix Weilbächer, sieht
einer möglichen Mittelschule "mit einem weinenden Auge" entgegen.
"Lieber wäre mir eine starke Hauptschule, eingebunden in das
dreigliedrige System." In zehn bis fünfzehn Jahren werde es eine
Mittelschule aber wohl geben. "Die Abstimmung mit den Füßen sowie die
demographische Entwicklung werden sich wohl nicht mehr aufhalten
lassen", meint Weilbächer, Mitglied einer Arbeitsgruppe im
Kultusministerium, die über die Zukunft von Hauptund Realschulen
nachdenkt. Eine Mittelschule müsse aber auf jeden Fall ein anderes
Format als die heutige IGS haben, auch dürfe die Hauptschulpädagogik
nicht auf der Strecke bleiben. "Handlungs- und Projektorientierung sowie
soziales Lernen müssen auch Kernpunkte einer Mittelschule sein."
Den großen Vorteil einer Mittelschule sieht Weilbächer darin, "daß keine
Schule mehr bestimmten Schülergruppen ausweichen kann. Kein Schüler kann
dann mehr abgeschoben, sondern muß individuell gefördert werden." Er
selbst versucht derweil, seine Schule durch spezielle Angebote
konkurrenzfähig zu machen. So gibt es in der Friedrich-Stoltze-Schule
sogenannte SchuB-Klassen mit Hauptschulabschluß, in denen die
Jugendlichen zwei Tage die Woche ein Betriebspraktikum absolvieren und
drei Tage die Schule besuchen. Auch seien Elemente der Produktionsschule
ins Schulprogramm integriert: Schüler übernehmen auch schon mal das
Catering für Veranstaltungen des Kultusministeriums.
Absurd findet Hans Werner Jorda die Idee der Mittelschule. Die
Hauptschule zu beseitigen löse nicht das Problem der Hauptschüler, sagt
der Leiter der Frankfurter Sophienhauptschule. Auch er glaubt, daß die
Gesamtschulen die Haupt- und Realschulen "ausbluten". Ein Nebeneinander
der Systeme sei nicht möglich. "Entweder in ganz Deutschland wird die
Integrierte Gesamtschule als alleinige Schulform eingeführt, und auch
alle Gymnasien verschwinden - dieses ist nicht durchsetzbar -, oder aber
das dreigliedrige Schulsystem wird ohne Gesamtschulen weiterbetrieben."
Um letzteres zu ermöglichen, bedürfe es einer "kontrollierten Zuweisung"
in die einzelnen Schulformen, wie beispielsweise Baden-Württemberg das
betreibe. Dort darf ein Schüler nur mit bestimmten Noten auf eine der
drei Schulformen. Diese Methode sei zwar "rigide, aber erfolgreich und
steigert auch Image und Qualität der Hauptschulen".
Für Damian aber ist die Mittelschule plus Gymnasien "die einzige
Alternative und der einzig mögliche Kompromiß zum unbestrittenen
Erfolgsmodell der achtjährigen Einheitsschule für alle Schüler in
Skandinavien". Dies glaubt auch Eifert. Eine Mittelschule fördere die
Durchmischung der Schülerschaft, schwächere Schüler würden dann von
stärkeren lernen können, und eine Isolierung bestimmter Schülergruppen
wie bisher in der Hauptschule sei dann nicht mehr möglich.
Kastentext:
Mehr Praxisnähe, mehr Betreuung
Das Frankfurter Konzept "Hauptschule der Praxis" wird von Staatlichem
Schulamt, Jugendhilfe, Schulleitern, Handwerkskammer sowie Industrie-
und Handelskammer erarbeitet. An allen Schulen sollen Sozialarbeiter
tätig sein, und es werden Ganztagsangebote organisiert. Außerdem sollen
die Schüler beispielsweise durch Praktika oder Patenschaften zur
Wirtschaft mehr Praxisbezug bekommen. Auch Elemente einer
Produktionsschule, die eigenständig und gewinnbringend bestimmte
Produkte herstellt, könnten eine Rolle spielen. Da manche Hauptschulen
schon einige dieser Ideen verwirklichten, solle jede Schule ein speziell
auf sie zugeschnittenes Programm erhalten und die Angebote der Schulen
seien untereinander zu vernetzen, sagt Michael Damian, Referent von
Schuldezernentin Jutta Ebeling. Hans-Rolf Eifert, Leiter des Staatlichen
Schulamtes, unterstützt das "Sofortprogramm". Eine Untersuchung des
Amtes habe ergeben, daß die Hälfte aller Hauptschüler intensive
sozialpädagogische Betreuung brauche, die andere Hälfte aber eine andere
Art des Unterrichts. Beides ermögliche das neue Konzept. Das Modell soll
möglichst schon zum Schuljahr 2007/2008 eingeführt werden. In Frankfurt
gibt es 21 Hauptschulen, darunter fünf reine Hauptschulen, sechs Grund-
und Hauptschulen, vier Grund-, Haupt- und Realschulen, eine Haupt- und
Realschule sowie fünf Hauptschulen in Kooperativen Gesamtschulen. (uph.)
Bildunterschrift:
Heute Hauptschüler, morgen Handwerker? Die Frankfurter
Sophienschule tut jedenfalls einiges, um ihren Absolventen den Einstieg
ins Arbeitsleben zu ermöglichen.
Foto Wohlfahrt
Alle Rechte vorbehalten. (c) F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main |
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Frankfurt
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.04.2006, Nr.
88, S. 51
FRIEDE AUF DEN SCHULHÖFEN - GEWALT AUF DEN STRASSEN
Reden statt Randale
Die
Friedrich-Stoltze-Schule versucht jedes Kind zu fördern

Fröhlich-friedlich wie hier auf dem Pausenhof der Sophienschule
geht es auf den meisten Frankfurter Schulhöfen zu.
Archivfoto Rainer Wohlfahrt
Vorfälle wie an der Berliner Rütli-Schule sind derzeit in Frankfurt
unwahrscheinlich - das gilt auch für sogenannte Brennpunktschulen mit
vielen Zuwandererkindern. Mit Jugendkoordinatoren und Regionalräten
haben Politiker, Polizei und Schulleiter schon vor Jahren auf die
schwelende Gewalt reagiert und Konzepte erarbeitet, die bislang
erfolgreich waren. Ausschreitungen, so sagen Fachleute, gebe es weniger
auf dem Schulhof, dafür aber häufiger auf der Straße. Auch in den
nächsten Jahren setzen die Verantwortlichen auf Prävention - die
Zuversicht ist da, aber eine Garantie für friedliche Schulhöfe gibt es
nicht. (isk.)
Die Ergebnisse haben Schulleiter Felix Weilbächer selbst überrascht: Nur
bei etwa der Hälfte aller Schüler ohne Abschluß war mangelndes
Leistungsvermögen der Grund für das Versagen, bei der anderen Hälfte
führten soziale und emotionale Schwierigkeiten dazu, daß die
Jugendlichen den Hauptschulabschluß nicht mehr machen wollten oder
konnten. Das ergab eine Analyse von Schülerakten in mehreren Frankfurter
Hauptschulen. Der Leiter der Friedrich-Stoltze-Schule, seine Lehrer und
Mitarbeiter versuchen deshalb, noch näher an die Kinder heranzukommen,
wollen noch mehr Hilfe bei Problemen anbieten und erreichen so fast
nebenbei, daß die Aggressionen zurückgehen. Denn wenn sich Kinder mit
ihrer Schule identifizieren, Integration und Kommunikation erlernen,
brauchen sie nicht mehr auf Gewalt zurückzugreifen. "Bei Schubsen ist
bei uns Schluß", faßt Weilbächer zusammen.
"220 Schüler aus 35 Nationen, und "jedes Kind ist ein Sonderfall", sagt
der Pädagoge. Es gibt viele traurige Schicksale: Etliche Kinder sind vom
Flüchtlingslager traumatisiert, andere müssen seit Jahren die
Abschiebung fürchten oder wurden mißhandelt. Immer öfter haben Kinder
auch mit den Folgen von Armut oder den oft verheerenden Auswirkungen
elterlicher Trennung zu kämpfen. Schlechter können die Voraussetzungen
für gemeinsames Leben und Lernen nicht sein.
Um Gemeinsamkeiten in dieser heterogenen Schülerschaft herzustellen,
wurden alte Lernformen abgeschafft und neue Möglichkeiten des
gemeinsamen Arbeitens gefunden. Schon vor Jahren wurde an der
Friedrich-Stoltze-Schule der Frontal- durch Projektunterricht ersetzt.
Die Erlebnispädagogik setzt auf neue Erfahrungen und damit verbundenes
nachhaltiges Lernen beispielsweise durch Aufenthalte im Schullandheim.
Bei der Wochenplanarbeit bereiten die Lehrer die Aufgaben vor und
stellen das Material bereit; das Lerntempo und die Reihenfolge ihrer
Arbeiten bestimmen die Schüler selbst. In Intensivkursen lernen Kinder,
die direkt aus ihren Heimatländern kommen, Deutsch. Jeweils eine von
zwei Klassen eines Jahrgangs wird aus Schülern gebildet, die
sonderpädagogisch gefördert werden müssen. Dieser "Gemeinsame
Unterricht" von behinderten und nichtbehinderten Kindern solle helfen,
"das Anderssein anderer Schüler" zu akzeptieren, erklärt Weilbächer das
Projekt. Die Schüler der "Schub-Klassen" (Lernen in Schule und Betrieb)
gehen zwei Tage in der Woche in einen Praktikumsbetrieb, drei Tage sind
sie in der Schule.
Bundesweit einzigartig ist das "Beschulungsprojekt für Roma-Kinder" mit
Namen "Schaworalle" (bedeutet in Romanes "Hallo Kinder"). Da viele
Roma-Eltern dem deutschen Bildungssystem gegenüber sehr mißtrauisch
sind, schicken sie ihre Kinder nur zögerlich, oft viel zu spät in die
Schule. Zusätzlich zu diesen Angeboten wird derzeit ein
Streitschlichter-System aufgebaut.
Die Friedrich-Stoltze-Schule ist in ein dichtes Netzwerk eingebunden,
das aus Vereinen, ständigen Kooperationspartnern, Verbänden und Trägern
besteht. Für die Nachmittagsbetreuung erhielt die Schule im vergangenen
Jahr sogar den Friedenspreis für Frankfurter Schulen - "in Würdigung
ihres Schulkonzeptes, das die einzelnen Schüler auch in krisenhaften
Lebenssituationen individuell fördert und das durch die Entwicklung
einer Anerkennungskultur wesentlich zum friedlichen Zusammenleben im
Stadtteil beiträgt", wie es in der Urkunde heißt. Wenn Schüler sich
derart angenommen fühlen, Schule Lücken in Familienstrukturen schließt
und gleichzeitig Vertrauen in die positiven Auswirkungen von Bildung
schafft, hat Gewalt keine Chance.
Während er das eigene Haus - eine von hessenweit lediglich sechs
eigenständigen Hauptschulen - hinreichend im Griff hat, ist der Pädagoge
über andere Schulen erbost: "Alles wird durchgereicht." Soll heißen,
andere Schulen entledigen sich immer mehr sogenannter Problemkinder,
schieben sie auf eine der Frankfurter Hauptschulen ab. "Eigentlich
dürfte kein Kind nur wegen seiner Verhaltensweise auf eine Hauptschule
geschickt werden", findet Weilbächer. "Der Schulpsychologe kann doch
schließlich auch ein Gymnasium besuchen." Problematisch ist
nachträgliche Überweisung auch hinsichtlich des Lernerfolges, wie die
Untersuchung der Schülerakten ergeben hat: Kinder, die schon mit Klasse
5 die Hauptschule begonnen haben, haben eine sehr viel höhere Chance auf
einen Abschluß als Seiteneinsteiger, die auf einer anderen Schulform
bereits schlechte Erfahrungen gemacht haben.
LISA UPHOFF
Alle Rechte vorbehalten. (c) F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Frankfurt
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.04.2006, Nr.
81, S. 42
Ständig in Alarmbereitschaft
An
den Schulen ist es noch ruhig / "Einsatz aller Ressourcen"
Eine Eskalation der Gewalt wie in Berlin ist in Frankfurt noch nicht
beobachtet worden. Doch Entwarnung will niemand geben. Mancherorts wird
so viel Zeit in die soziale Kontrolle investiert, daß der Lehrstoff zu
kurz kommt.
Jeder Tag eine neue Herausforderung: "Wir müssen höllisch auf der Hut
sein und dürfen in unseren Anstrengungen nicht nachlassen - auch wenn
die Situation derzeit unter Kontrolle ist und wir weit von Berliner
Verhältnissen entfernt sind." So faßt Michael Damian, Referent von
Schuldezernentin Jutta Ebeling (Die Grünen), die Situation an den 156
Frankfurter Schulen zusammen. Eine Eskalation von Gewalt gebe es nicht,
bestätigen auch Schulleiter und Gewerkschaft. Dafür waren in den
vergangenen Jahren allerdings "ein hartes Stück Arbeit und der Einsatz
aller Ressourcen notwendig". Entwarnung will niemand geben, denn "die
Probleme wie in Berlin sind auch bei uns in Ansätzen schon vorhanden,
und ich will nicht ausschließen, daß eine Eskalation schneller auf uns
zukommen könnte, als wir glauben", sagt Hessens GEW-Vorsitzender Jochen
Nagel. Mitte der neunziger Jahre habe eine solche Entwicklung in
Frankfurt schon einmal unmittelbar bevorgestanden, so Damian.
Die meisten Fälle von Gewalt regelt die Schulgemeinde selbst, nur ein
Bruchteil landet beim Staatlichen Schulamt Frankfurt. Dort werden bei
schweren Vergehen Anträge auf Verweis von der Schule oder Überweisung
des Schülers an eine andere Einrichtung der gleichen Schulform gestellt;
letzteres ist die mildere Form der Sanktion. Rund 90 derartige
Ordnungsverfahren seien im vergangenen Jahr wie auch in den Jahren zuvor
registriert worden, berichtet Bernd Melzer, Jurist beim Schulamt - bei
rund 80 000 Schülern in der Stadt und einzelnen Schulen mit 95 Prozent
Zuwandererkindern eine geringe Zahl. Fast immer geht es in solchen
Fällen um schweres Fehlverhalten wie Schlägerei, Erpressung, sexuelle
Belästigung und Drogendelikte. "Ganz selten gibt es auch einmal Gewalt
gegen Lehrer, meist aber nur verbal", so Melzer.
Damit die Gewalt schon im Keim erstickt wird, gibt es in Frankfurt seit
Jahren eine Vielzahl an Projekten, beginnend bei der Sprachförderung
schon in den Kindertagesstätten. "Meine-Deine-Unsere-Sprache" heißt die
verpflichtende Sprachschulung in allen Kitas. Bilinguale Zweige an zehn
Frankfurter Schulen, "Koala" (Koordinierte Alphabetisierung im
Anfangsunterricht für Kinder mit türkischer Herkunftssprache),
"Frühstart", "Mama lernt Deutsch" und viele andere Programme kommen
hinzu.
Daneben gab es an vielen Schulen schon vor Einführung der sogenannten
Erziehungsvereinbarungen verbindliche Hausregeln oder Mentorensysteme,
bei denen ältere Schüler jüngeren helfen. Die Fortbildung von Lehrern
und Schülern zu Streitschlichtern, Selbstverteidigungskurse, der
Friedenspreis der Frankfurter Schulen sowie "Corporate
identity"-Projekte, bei denen Schüler ihre Schule mitgestalten, tragen
ebenso zur Befriedung bei wie die Schulsozialarbeit. 1,3 Millionen Euro
investiert das Jugendamt jährlich hierfür, eine weitere halbe Million
das Schuldezernat. Hinzu kommt die enge Zusammenarbeit vieler Schulen
mit den beiden Jugendkoordinatoren der Polizei.
Außerdem haben viele Schulen ein individuell auf die Schülerschaft
zugeschnittenes Gewaltpräventionsprogramm, wie beispielsweise die
Paul-Hindemith-Schule. Die Pilotschule hat Schüler aus 41 Nationen.
Schon in Klasse 5 werden vier Tage dem Thema Gewalt gewidmet, in Klasse
7 gibt es zwei Wochenstunden im Fach "Konflikte lösen". Zudem ist die
Integrierte Gesamtschule "Teamschule": Acht bis zwölf Lehrer begleiten
den Jahrgang die ganze Schullaufbahn über. Dadurch wird Anonymität
abgebaut, die Gewaltbereitschaft sinkt nachweisbar.
Auf Vertrautheit, direkte Ansprache und Konsequenzen setzt auch Hans
Werner Jorda, Leiter der Sophienhauptschule. "Kleine Schule, kleine
Probleme", faßt er zusammen. Bei 250 Schülern sei es gerade noch
möglich, jeden Regelverstoß zu registrieren und sofort und angemessen zu
ahnden. "Bei 500 Schülern müßte ich die Schule schließen", so Jorda. Es
gebe auch deshalb keine Exzesse an der Schule, "weil unser Kollegium die
gesamte Energie in die Sozialkontrolle steckt - der Bildungsauftrag muß
darunter natürlich manchmal leiden".
In der Friedrich-Stoltze-Hauptschule setzt Leiter Felix Weilbächer auf
eine Schulkultur des "Miteinanderlebens und -arbeitens bei gegenseitiger
Anerkennung". Handfeste Auseinandersetzungen sind in dieser familiären
Atmosphäre selten: Spätestens beim Schubsen ist Schluß.
LISA
UPHOFF
Alle Rechte vorbehalten. (c) F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main |
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Frankfurt
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.09.2000, Nr.
219, S. 67
Wir
sind die Sozialstation von Bockenheim
Die
Jugendlichen an der Sophienschule sind freundlich und voller Hoffnung -
aber sie haben es schwer, sich in der Realität zu behaupten
Die breiten Oberkörper in enge T-Shirts gezwängt, die muskelbepackten
Arme demonstrativ vor der Brust verschränkt, das Kinn energisch nach
vorn geschoben: Aggression in jeder Faser, Ablehnung in jedem Blick - so
scheint es. Ein angriffslustiger Haufen, eine furchterregende Horde - so
sieht es aus. Halbstarke von der Art, der man nachts nicht begegnen
möchte, auf dunkler Straße oder in engen U-Bahn-Aufgängen - so glaubt
man. Doch das ist ein Klischee, ein Trugbild. Denn für die zierliche
Frau, deren hochgesteckte Haare den verletzlichen Nacken bloßlegen,
weichen die Jugendlichen sofort zurück, werden freundlich und sanft wie
Kinder.
So vieles täuscht hier hinter den dicken Mauern, die eine "heile Welt"
nach außen hin absichern. Hier, wo die Schüler so aussehen, als ob sie
ihre Lehrer mit einer Handbewegung krankenhausreif schlagen könnten,
aber es doch nie tun würden. Weil ihre Ausbilder oft der letzte
Rettungsanker sind, weil sie ihre Lehrer brauchen, sie akzeptieren und
sogar mögen - hier in der Sophienschule, an der es so friedlich zugeht
und die doch ein so schlechtes Ansehen hat. Die Hauptschule in
Bockenheim: Erst will keiner hin, aber wer erst einmal dazugehört, ist
begeistert, Lehrer wie Schüler.
Die Mädchen und Jungen der 9 a - sie sind zwischen 14 und 17 Jahre alt -
wissen entweder überhaupt nicht, was sie werden wollen, oder sie wollen
hoch hinaus. Schließlich sei er der Star seiner Fußballmannschaft, meint
der 16 Jahre alte Dragan aus Jugoslawien. Das mit der Karriere sei nur
noch eine Frage der Zeit. Alle Formalien werde der Manager regeln, darum
müsse er bestimmte Dinge gar nicht erst lernen. Der ein Jahr ältere
Atalay, der demnächst die deutsche Staatsbürgerschaft bekommt,
bezeichnet sich als "Noch-Türke". Er ist sich sicher, daß er "einfach
nur faul" war. Zwei "Ehrenrunden" hätten ihn nun zur Besinnung gebracht:
"Wenn ich nur ein bißchen aufpasse, geht das ganz einfach." Bis dahin
verdiene er nebenbei als Fitneß- Trainer Geld. Auch Jakov aus Kroatien,
den seine "Schulkarriere" vom Gymnasium über die Realschule bis zur
"Endstation" Sophienschule führte, ist optimistisch. Er arbeite seit
langem immer wieder mal auf dem Bau, die Chefs dort kennten ihn, "und
die stellen mich nach der Schule auch ein, egal, welche Zensuren ich
habe", weiß Jakov.
Von Frustration, Resignation oder Zukunftsangst keine Spur. Drohende
Arbeitslosigkeit und mangelnde Ausbildungsplätze sind hier kein Thema.
Die Tatsache, daß die meisten Arbeitgeber den Nachwuchs inzwischen aus
Realschülern oder Gymnasiasten rekrutieren, ist unter den "schon fast
Erwachsenen" anscheinend nicht bekannt. Anders als in Bayern, wo
immerhin rund 40 Prozent jedes Jahrgangs die Hauptschule besuchen, wurde
diese Schulform in Hessen zur "Rest-Schule" degradiert. Wegen des
erklärten Ziels der einstigen rot-grünen Bildungspolitik, jeder Schüler
müsse eigentlich einen Realschulabschluß schaffen können, wurden Hessens
Hauptschulen zum Auffangbecken für Lernschwache und Problemfälle. Die
beruflichen Chancen der Abgänger sind minimal.
Trotzdem haben Dragan, Jakov, Atalay und Co. keine Sorgen, fühlen sie
sich keineswegs als Verlierer der Gesellschaft. Karl-Heinz Burke
lächelt, zu genau kennt der Klassenlehrer seine Schützlinge. "Das
Prinzip heißt Verdrängen und maßlose Selbstüberschätzung", löst der
Pädagoge den Widerspruch auf. Perspektivisches Denken sei den meisten
seiner Schüler nicht möglich. Mental seien sie zudem noch gar nicht in
der Lage, eine Ausbildung zu absolvieren. Gemeinsam mit seinen 18
Kollegen und Schulleiter Hans Werner Jorda sitzt der
"Feld-Wald-und-Wiesen-Lehrer", wie er sich selbst nennt, bei
selbstgebackenem Kuchen und energiespendenden Traubenzucker-Bonbons im
engen Lehrerzimmer. In den Pausen werden hier in familiärer Atmosphäre
die kleinen und großen Nöte der insgesamt 250 Schüler aus 30 Nationen in
13 Klassen besprochen.
Das Hauptproblem aber bekommen die Pädagogen nicht in den Griff: ihren
Zöglingen genügend Wissen zu vermitteln. Das liegt meistens nicht nur an
den mangelnden kognitiven Fähigkeiten der Schüler, sondern auch am
sozialen Umfeld und an der Einstellung. Tief eingegraben habe sich bei
den Jugendlichen die "Konsum- und Anspruchshaltung, gepaart mit dem
Spaßprinzip", erläutert Lehrer Burke. Rektor Hans Werner Jorda sagt:
"Die Schüler wissen, daß ihnen immer jemand hilft, wenn es fünf Minuten
vor zwölf Uhr ist, auch wenn es drei Sekunden vor zwölf ist, und sogar
einige Minuten nach zwölf gibt es immer noch drei Sozialarbeiter, die
alles ausbügeln. Warum sollen sie sich da anstrengen?" Die Schüler seien
"over-protected", also in jeder Hinsicht überversorgt. Nach der harten
Zeit von "Null Verständnis" sei die Toleranzgrenze in den vergangenen
Jahren des "Laisser-faire" im Alltag ins Unendliche hochgeschnellt. "In
der Schule ist es darum unser oberstes Ziel, den Schülern Grenzen zu
setzen", sagt Jorda.
Hinzu kommen die oft schwierigen sozialen Verhältnisse der Schüler, die
in der Schule kompensiert werden müssen. Mindestens ein Drittel der Zeit
werde im Schulalltag für Erziehung und nicht für Wissensvermittlung
benötigt, rechnet Karl-Heinz Burke vor. An jedem Montag sitzen Schüler
und Lehrer erst einmal locker im Kreis zusammen und plaudern. Denn: "Am
Wochenende laufen unsere Leute aus dem Ruder. Wenn sie montags zu uns in
den Unterricht kommen, haben sie zwei Tage lang keine festen Strukturen
gehabt, daran müssen sie sich erst wieder gewöhnen", weiß Jorda. Der
Ausländeranteil in der Sophienschule liegt bei 80 Prozent. Gerade
ausländische Familien seien mit der Erziehung in einer deutschen
Großstadt überfordert. Viele Schüler seien emotional unterversorgt. Zur
Kompensation all dieser Probleme wurden für den Nachmittag
Arbeitsgemeinschaften eingerichtet, ein Hort für die Frühbetreuung
installiert und das Mayday-Schülercafé eröffnet.
Das Fazit ist erschreckend und erfreulich zugleich: Die Kinder und
Jugendlichen in der Sophienschule verfügen über eine hohe soziale
Kompetenz, besitzen aber nur begrenzte intellektuelle Fähigkeiten. Sie
sind freundlich, aber ungebildet und nicht gewillt, sich in der Realität
zu behaupten. In der Schule sei es "wahnsinnig toll", meint ein 17 Jahre
altes Mädchen der Klasse 10. Sie habe gar keine Lust, arbeiten zu gehen,
denn "die Schule geht nur bis mittags, dann fahr' ich nach Hause,
schlaf' ein bißchen und treffe mich dann mit meinen Freunden. Von mir
aus könnte das immer so weitergehen." Nach dem Abschluß will sie
Zahnarzthelferin werden. "Ich hab' gehört, die können auch schon immer
mittags nach Hause gehen."
Irgend etwas muß passieren, weiß Rektor Jorda, während er in seinem
Zimmer am Tisch Platz nimmt. Es sei richtig gewesen, die Schüler in den
vergangenen Jahren zu umsorgen, ihnen jede mögliche Hilfestellung zu
geben, damit der Alltag ohne Schlägereien und allzu großes Geschrei
vonstatten gehen könne. Doch um die Schüler an die Realität zu gewöhnen,
müsse "das Lernen neu definiert werden", müßte wieder mehr Wert auf
Leistung gelegt werden. "Wir sind hier die Sozialstation von Bockenheim.
Das kann eine Schule eigentlich nicht leisten."
Es klopft, eine junge Lehrerin bittet um Rat. Draußen sitze ein Vater
mit seiner Tochter. Er habe sie geschlagen, hat die Schülerin der
Lehrerin erzählt. Doch mit einer Frau will der türkische Mann nicht über
die Sache reden, also soll der Schulleiter die Fronten klären. Hans
Werner Jorda steht auf, zuckt im Hinausgehen mit den Achseln: "Was soll
ich machen? Wir können die Leute doch nicht einfach mit ihren Problemen
alleine lassen."
LISA UPHOFF
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Zum
Schnuppern in die Hauptschule
Gymnasiasten in der Hauptschule
–
Ricarda-Huch-Schüler aus Dreieich besuchten die Sophienschule in Bockenheim
(pcb)
Eine ganz andere Welt
„Wir sind halt auf einer Hauptschule, einer Assischule“, meint ein
Hauptschüler von der Sophienschule resigniert zu den Besuchern. Wir von der
Ricarda-Huch-Schule wollen bei unserem Besuch auf der Sophienschule mehr
über den Arbeitsalltag eines Streetworkers und seine Erfahrungen mit sozial
schwachen Jugendlichen erfahren.
Das „Cafe Mayday“ gibt es schon seit sechs Jahren. Die Hauptschüler haben
dort in der Pause die Möglichkeit, sich etwas zu essen und zu trinken zu
kaufen.
In die Sophienschule gehen zu 95 Prozent Migrantenkinder, daher ist es nicht
verwunderlich, dass im „Cafe Mayday“ drei Streetworker arbeiten, die den
Jugendlichen zu helfen versuchen, eine neue Perspektive für die Zukunft zu
finden.
Winfried Klein, einer der drei Streetworker, meint, dass leider nur zwei von
45 Schülern einen Ausbildungsplatz bekämen. Der Rest verliere sich nach der
Schulzeit wahrscheinlich in sinnlosen Fördermaßnahmen des Arbeitsamtes.
Ein immer größer werdendes Problem sei die wachsende Gewaltbereitschaft und
Respektlosigkeit der jüngeren Schüler. Hingegen seien die Fälle des
Drogenmissbrauchs im Laufe der Jahre stark zurückgegangen. Der Umgangston
zwischen den Hauptschülern sei ziemlich rau, allerdings nähmen sie
Beleidigungen untereinander nicht sehr ernst.
Das Erschreckende jedoch sei, dass sich die Schüler der Sophienschule
teilweise selbst als „dumm“ und „minderwertig“ ansähen. Gründe dafür gebe es
viele: Meist seien es Vernachlässigung und Gewalt im Elternhaus. „Eine
Arbeit mit diesen Schülern ist dann meist kaum noch möglich.“
Da sich das Cafe Mayday in einem Container befindet, und dieser, trotz der
gemütlichen Inneneinrichtung, schon ziemlicher heruntergekommen ist, ist der
größte Wunsch der Streetworker ein festes Gebäude für ihre Einrichtung.
Autoren:
Jan Eric Filipczak, Lisa Schlaefcke, Melanie Hoffmann.
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