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Sophienschule im Spiegel der Presse

 

Zu dem Artikel im Spiegel Juli 1997

 

 

 

Politik                            Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.04.2006, Nr. 92, S. 5


Starke Schüler, schwache Konflikte

Frankfurter Hauptschulen versuchen, den Jugendlichen eine Art Familie zu sein /

"Kein Gewalt-, sondern ein Leistungsproblem" / Von Lisa Uphoff


     

Pause!                  Auf dem Hof der Sophienschule in Frankfurt fotografiert von Rainer Wohlfahrt

 


FRANKFURT, im April. Die Fäuste schützend vor das Gesicht gehoben, erwartet der Halbwüchsige den ersten Schlag. Sein Gegenüber holt aber gar nicht aus. "Mir tuste nicht provozieren, Alter", sagt der vermeintliche Gegner. Er dreht sich um und geht. Szenen wie diese spielen sich oft auf den Schulhöfen von Frankfurter Hauptschulen ab. Von einer Eskalation der Gewalt wie in Berlin kann hier nicht die Rede sein. Das bestätigen Polizei, Schulleiter, Verbände und Schuldezernat in seltener Einmütigkeit. Entwarnung für die Zukunft will aber niemand geben


Der wackelige Frieden beruht auf einer Mischung verschiedener Modelle zur Gewaltprävention. Frankfurts Hauptschulleiter jammern nicht mehr über Zuständigkeiten, gesellschaftliche Veränderungen oder Schulsysteme. Frankfurter Hauptschulen bieten Schülern, was sie zu Hause oft nicht haben und was viele ihrer Altersgenossen vermissen: eine familienähnliche Struktur, eine Erziehung, die sich am traditionellen Muster orientiert, und ein "normales" Leben. Der Bildungsauftrag kommt dabei aber manchmal zu kurz.


"Wir haben kein Gewalt-, sondern ein Leistungsproblem", sagt Hans-Rolf Eifert, Leiter des Staatlichen Schulamtes Frankfurt. Beim Vergleich von Abschlußarbeiten stehe die Stadt mit ihren 80 000 Schülern immer wieder "grottenschlecht" da. Der wichtigste Grund dafür sei, daß die Schulen eine "riesige Integrationsarbeit" leisten müßten. "Die Vermittlung von Wissen bleibt da schon mal auf der Strecke." Vor allem die Leistungen der Kinder der dritten und vierten Einwanderergeneration würden immer schlechter. Lehrer in Frankfurt, heißt es im Schuldezernat, müßten ständig neu entscheiden, ob sie Fachunterricht machen oder der Gewaltprävention und "Unterweisung in sozialer Kompetenz" den Vorzug geben.

 


"Ohne Frieden in der Klasse ist kein Unterricht möglich", sagt Monika Lack, Leiterin der Karmeliterschule im Bahnhofsviertel, einer "Brennpunktschule" für Grund- und Hauptschüler. Die Karmeliterschule hat den höchsten Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund in ganz Frankfurt, mehr als 95 Prozent. Monika Lack schätzt die "Frankfurter Atmosphäre": Schuldezernat, die beiden Jugendkoordinatoren der Polizei, Vereine und das in der Bundesrepublik einzigartige Amt für multikulturelle Angelegenheiten arbeiteten eng zusammen.


Auch Sprachprogramme sollen Gewalt vermeiden helfen. Sie tragen Namen wie "Frühstart", "Koala" (Koordinierte Alphabetisierung im Anfangsunterricht für Kinder mit türkischer Herkunftssprache) oder "Meine-Deine-Unsere-Sprache". Die meisten der 156 Frankfurter Schulen haben ein Mentorensystem. Lehrer und Schüler können Fortbildungskurse in Mediation besuchen. Alle zwei Jahre wird der Friedenspreis der Frankfurter Schulen verliehen. Das Schuldezernat und das Jugendamt investieren im Jahr 1,8 Millionen Euro in die Schulsozialarbeit.


An der Paul-Hindemith-Gesamtschule widmen sich die Schüler schon in Klasse 5 vier Tage lang dem Thema Gewalt, auf daß die 41 Nationalitäten dort einträchtig zusammenleben. In Klasse 7 haben die Schüler zwei Wochenstunden im Fach "Konflikte lösen lernen". Schulsozialarbeiter leiten eine "Schüler-Streit-Schlichter-Arbeitsgemeinschaft". Die Hindemith-Schule ist eine "Teamschule": Acht bis zwölf Lehrer begleiten einen Jahrgang über die gesamte Schullaufbahn hinweg. Das soll Anonymität abbauen und die Gewaltbereitschaft senken.


Die Programme seien nur ein "Notfall-Instrument", sagt Monika Lack von der Karmeliterschule. "Wir sind hier eben Familienersatz, ob wir das gut finden oder nicht." Die Mutter dreier Kinder ist für ihre 85 Hauptschüler eine Art Pflegemutter. Wenn mittags die Schulglocke schrillt, stürmen die Schüler nicht gleich nach Hause. Viele wollen gar nicht gehen: "Wenn einige unserer Mädchen erst einmal zu Hause sind, dürfen sie den ganzen Tag nicht mehr raus, und auch den Jungen ist es außerhalb der Schule langweilig."


Auch Felix Weilbächer, Leiter der Friedrich-Stoltze-Schule, will Leben in sein Haus bringen. 80 Prozent der Schüler seiner Hauptschule sind Migrantenkinder. Viele von ihnen verfügten nur noch über einen "Second-Hand-Erfahrungsschatz", vermittelt durch Fernsehen und Computer. Zu Hause bekämen sie weder Anregungen noch Förderung. Für solche Kinder sei gemeinsames Kochen und Essen ein außergewöhnliches Erlebnis, eine Tour mit dem Ruder- oder Segelboot könne Gesprächsstoff für Monate bieten. Weilbächers Schlagworte lauten "Beteiligungskultur" und "Erlebnispädagogik". Sie zu verwirklichen, meint der Schulleiter, sei in Ganztagsschulen am besten möglich. Die Lehrer versuchten, "das Ich des Schülers zu stärken". Die Formel der Stoltze- Schule erscheint ganz einfach: starke Kinder, schwache Konflikte.


Dazu gehöre neben emotionaler Nähe und einem anregenden Leben vor allem eine gute Erziehung. Da sind sich Lack und Weilbächer mit dem Leiter der Sophienschule, Hans Werner Jorda, einig. Von den 250 Schülern der Hauptschule hat kaum einer, ganz gleich ob Ausländer oder Deutscher, ein intaktes Elternhaus. Die Diskussion über Integration hält Jorda für vorgeschoben. Es gebe nicht ein Integrations-, sondern ein Schichtenproblem. Verhaltensauffälligkeiten gebe es in allen Nationalitäten. Den Kindern fehlten Vorbilder, zu Hause erwarteten sie Prügel beim geringsten Anlaß - oder aber völliges Desinteresse. "Würde ich hier bei uns ein Internat zum Sondertarif anbieten, die Eltern würden mir die Bude einrennen, um ihre Kinder abzugeben."


Also müsse die Schule den erzieherischen Rahmen bieten, und zwar nach traditionellen Mustern. Jorda und seine 16 Lehrer schauen nicht weg. Sie greifen sofort ein, isolieren den Täter von den anderen, sprechen über Konflikte, setzen Konsequenzen durch. Was eine Grenze überschreitet, muß genau festgelegt sein: Sind Mütze auf dem Kopf und Kaugummi im Mund im Unterricht schon nicht mehr akzeptabel? Oder ist das Verhalten erst dann nicht mehr akzeptabel, wenn ein Schüler den Lehrer nicht richtig begrüßt? Nichts dürfe dem Zufall überlassen werden. Die Jugendlichen brauchten Grenzen, die nur noch ihre Schule ihnen biete.


So richtig sei eine solche Erziehung nur in einem kleinen, eben familiären System möglich, gibt Jorda zu. Nur kleine Schulen garantierten auch kleine Probleme. "Bei 500 Schülern müßte ich den Laden zumachen." So aber könne er die Gewalt in der Schule noch eindämmen und sich sogar um die Zukunft der Schüler kümmern. Er will sie davor bewahren, daß sie nach dem behüteten Leben im Schutzraum Schule resignieren. Durch Verbindungen zur Wirtschaft wird versucht, möglichst vielen Jugendlichen einen Ausbildungsplatz zu verschaffen.


Schlägereien gibt es in der Sophienschule kaum noch, Messer werden nur noch selten gefunden. Dafür nehmen Verbalattacken und Mobbing zu. Nach Schulschluß sei auch die Gewaltbereitschaft schnell wieder da. Es braue sich eine explosive Stimmung in der Frankfurter Nordweststadt zusammen, sagt Jorda. In den nächsten Jahren könnte die Stimmung dort eskalieren. Jorda fürchtet sich nicht so sehr vor Berliner Verhältnissen auf Frankfurter Schulhöfen. Er hat Angst vor Pariser Vorstadt- Verhältnissen auf manchen Straßen in Frankfurt.
 
 

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Titelseite Rhein-Main-Zeitung          Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.05.2006, Nr. 123, S. 45


Langsamer Abschied von der Hauptschule
Künftig nur noch Mittelschulen und Gymnasien? / Lehrerverband und Schulleiter warnen vor Folgen


uph. FRANKFURT. Die neue schwarz-grüne Koalition in Frankfurt will gemeinsam mit der Wirtschaft und dem Staatlichen Schulamt Qualität und Image der Hauptschulen verbessern. Kernpunkte des Konzeptes, das noch ausgearbeitet werden muß, sind mehr Praxisbezug und der Ganztagsbetrieb (siehe Kasten). Die "Hauptschule der Praxis" sei ein "Sofortprojekt" sagt Michael Damian, Sprecher von Schuldezernentin Jutta Ebeling (Die Grünen). Langfristig werde diese Schulform in Frankfurt aber nicht bestehen können, darin ist sich Damian mit dem Leiter des Staatlichen Schulamtes, Hans-Rolf Eifert, sowie etlichen Schulleitern einig. Schon heute kämpfen einige Frankfurter Hauptschulen wegen geringer Anmeldezahlen ums Überleben. Hauptschule, Realschule und Gesamtschule würden künftig zu einer Mittelschule vereinigt, allein die Gymnasien blieben eigenständig, glaubt Damian. "Absolut schädlich" findet dagegen Manfred Timpe, Vorsitzender des Verbands der Lehrer, diese wahrscheinliche Entwicklung und nennt die Hauptursache: "Die Integrierten Gesamtschulen bluten die Hauptschulen aus."


Schon seit längerem werde das Image der Hauptschule als "Restschule" wegen der schwierigen Klientel trotz des großen Engagements der Hauptschullehrer immer schlechter, so Timpe, selbst Leiter der Falk-Realschule. Doch habe in Frankfurt zudem ein Ansturm auf die Gesamtschulen eingesetzt. "Die Eltern bevorzugen die ganztägige Betreuung in den Gesamtschulen, die vom Schulträger, also der Stadt Frankfurt, bewußt forcierte bessere finanzielle und personelle Ausstattung dieser Schulen sowie die Tatsache, daß dort anders als an Gymnasien die Schulzeit nicht verkürzt werden muß", resümiert Timpe.


Außerdem würden viele Grundschullehrer wegen unangenehmer Diskussionen mit den Eltern davor zurückschrecken, eine Empfehlung für die Hauptschule zu geben und die Eltern lieber auf die Gesamtschulen verweisen. In Frankfurt würde der "klassische Hauptschüler" meist eine Integrierte Gesamtschule (IGS) besuchen. Timpe glaubt, daß bis zu 40 Prozent der Kinder jedes Jahrgangs auf Hauptschulen gehen sollten, aber nur vier Prozent aller Frankfurter Schüler tun dies tatsächlich. Neben den bereits existierenden sechs Integrierten Gesamtschulen gibt es wegen der großen Nachfrage künftig eine neue IGS in der alten Herderschule.


Die Einführung einer Mittelschule wäre für Timpe "sehr bedauerlich". Er sieht darin "das Durchdrücken der IGS mit anderem Namen und auf neuem Weg". Denn wurde in den achtziger Jahren die Diskussion um die richtige Schulform mit ideologischen Argumenten geführt, seien es jetzt praktische Gründe wie die desolate Situation der Hauptschulen. Erstes Opfer sei die Nidda-Schule, an der es künftig keinen Hauptschulzweig mehr geben werde, andere Schulen kämpften gerade für die Jahrgangsstufe 5 um jeden Schüler. In den Jahrgängen 7 und 8 füllten sich die Klassen wegen der Querversetzungen von anderen Schulformen dann meist wieder.


Fortsetzung auf der folgenden Seite.


Nur in einem differenzierten, also dem dreigliedrigen Schulsystem "kann jeder Schüler optimal gefördert werden", glaubt Timpe. In einer IGS stehe ein Kind in permanenter Konkurrenz zu seinen Mitschülern. Er hofft darauf, daß das Sofortprogramm für die Hauptschulen helfen wird, und richtet einen Appell an die Wirtschaft, "sich wieder auf Hauptschüler einzulassen".


Auch der Leiter der Friedrich-Stoltze-Schule, Felix Weilbächer, sieht einer möglichen Mittelschule "mit einem weinenden Auge" entgegen. "Lieber wäre mir eine starke Hauptschule, eingebunden in das dreigliedrige System." In zehn bis fünfzehn Jahren werde es eine Mittelschule aber wohl geben. "Die Abstimmung mit den Füßen sowie die demographische Entwicklung werden sich wohl nicht mehr aufhalten lassen", meint Weilbächer, Mitglied einer Arbeitsgruppe im Kultusministerium, die über die Zukunft von Hauptund Realschulen nachdenkt. Eine Mittelschule müsse aber auf jeden Fall ein anderes Format als die heutige IGS haben, auch dürfe die Hauptschulpädagogik nicht auf der Strecke bleiben. "Handlungs- und Projektorientierung sowie soziales Lernen müssen auch Kernpunkte einer Mittelschule sein."


Den großen Vorteil einer Mittelschule sieht Weilbächer darin, "daß keine Schule mehr bestimmten Schülergruppen ausweichen kann. Kein Schüler kann dann mehr abgeschoben, sondern muß individuell gefördert werden." Er selbst versucht derweil, seine Schule durch spezielle Angebote konkurrenzfähig zu machen. So gibt es in der Friedrich-Stoltze-Schule sogenannte SchuB-Klassen mit Hauptschulabschluß, in denen die Jugendlichen zwei Tage die Woche ein Betriebspraktikum absolvieren und drei Tage die Schule besuchen. Auch seien Elemente der Produktionsschule ins Schulprogramm integriert: Schüler übernehmen auch schon mal das Catering für Veranstaltungen des Kultusministeriums.

  

Absurd findet Hans Werner Jorda die Idee der Mittelschule. Die Hauptschule zu beseitigen löse nicht das Problem der Hauptschüler, sagt der Leiter der Frankfurter Sophienhauptschule. Auch er glaubt, daß die Gesamtschulen die Haupt- und Realschulen "ausbluten". Ein Nebeneinander der Systeme sei nicht möglich. "Entweder in ganz Deutschland wird die Integrierte Gesamtschule als alleinige Schulform eingeführt, und auch alle Gymnasien verschwinden - dieses ist nicht durchsetzbar -, oder aber das dreigliedrige Schulsystem wird ohne Gesamtschulen weiterbetrieben." Um letzteres zu ermöglichen, bedürfe es einer "kontrollierten Zuweisung" in die einzelnen Schulformen, wie beispielsweise Baden-Württemberg das betreibe. Dort darf ein Schüler nur mit bestimmten Noten auf eine der drei Schulformen. Diese Methode sei zwar "rigide, aber erfolgreich und steigert auch Image und Qualität der Hauptschulen".


Für Damian aber ist die Mittelschule plus Gymnasien "die einzige Alternative und der einzig mögliche Kompromiß zum unbestrittenen Erfolgsmodell der achtjährigen Einheitsschule für alle Schüler in Skandinavien". Dies glaubt auch Eifert. Eine Mittelschule fördere die Durchmischung der Schülerschaft, schwächere Schüler würden dann von stärkeren lernen können, und eine Isolierung bestimmter Schülergruppen wie bisher in der Hauptschule sei dann nicht mehr möglich.


Kastentext:


Mehr Praxisnähe, mehr Betreuung


Das Frankfurter Konzept "Hauptschule der Praxis" wird von Staatlichem Schulamt, Jugendhilfe, Schulleitern, Handwerkskammer sowie Industrie- und Handelskammer erarbeitet. An allen Schulen sollen Sozialarbeiter tätig sein, und es werden Ganztagsangebote organisiert. Außerdem sollen die Schüler beispielsweise durch Praktika oder Patenschaften zur Wirtschaft mehr Praxisbezug bekommen. Auch Elemente einer Produktionsschule, die eigenständig und gewinnbringend bestimmte Produkte herstellt, könnten eine Rolle spielen. Da manche Hauptschulen schon einige dieser Ideen verwirklichten, solle jede Schule ein speziell auf sie zugeschnittenes Programm erhalten und die Angebote der Schulen seien untereinander zu vernetzen, sagt Michael Damian, Referent von Schuldezernentin Jutta Ebeling. Hans-Rolf Eifert, Leiter des Staatlichen Schulamtes, unterstützt das "Sofortprogramm". Eine Untersuchung des Amtes habe ergeben, daß die Hälfte aller Hauptschüler intensive sozialpädagogische Betreuung brauche, die andere Hälfte aber eine andere Art des Unterrichts. Beides ermögliche das neue Konzept. Das Modell soll möglichst schon zum Schuljahr 2007/2008 eingeführt werden. In Frankfurt gibt es 21 Hauptschulen, darunter fünf reine Hauptschulen, sechs Grund- und Hauptschulen, vier Grund-, Haupt- und Realschulen, eine Haupt- und Realschule sowie fünf Hauptschulen in Kooperativen Gesamtschulen. (uph.)
 
 

Bildunterschrift:        Heute Hauptschüler, morgen Handwerker? Die Frankfurter Sophienschule tut jedenfalls einiges, um ihren Absolventen den Einstieg ins Arbeitsleben zu ermöglichen.


Foto Wohlfahrt


 
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Frankfurt                       Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.04.2006, Nr. 88, S. 51


FRIEDE AUF DEN SCHULHÖFEN - GEWALT AUF DEN STRASSEN
 
Reden statt Randale
Die Friedrich-Stoltze-Schule versucht jedes Kind zu fördern

 

     

 Fröhlich-friedlich wie hier auf dem Pausenhof der Sophienschule
geht es auf den meisten Frankfurter Schulhöfen zu.

Archivfoto Rainer Wohlfahrt

 
Vorfälle wie an der Berliner Rütli-Schule sind derzeit in Frankfurt unwahrscheinlich - das gilt auch für sogenannte Brennpunktschulen mit vielen Zuwandererkindern. Mit Jugendkoordinatoren und Regionalräten haben Politiker, Polizei und Schulleiter schon vor Jahren auf die schwelende Gewalt reagiert und Konzepte erarbeitet, die bislang erfolgreich waren. Ausschreitungen, so sagen Fachleute, gebe es weniger auf dem Schulhof, dafür aber häufiger auf der Straße. Auch in den nächsten Jahren setzen die Verantwortlichen auf Prävention - die Zuversicht ist da, aber eine Garantie für friedliche Schulhöfe gibt es nicht. (isk.)


Die Ergebnisse haben Schulleiter Felix Weilbächer selbst überrascht: Nur bei etwa der Hälfte aller Schüler ohne Abschluß war mangelndes Leistungsvermögen der Grund für das Versagen, bei der anderen Hälfte führten soziale und emotionale Schwierigkeiten dazu, daß die Jugendlichen den Hauptschulabschluß nicht mehr machen wollten oder konnten. Das ergab eine Analyse von Schülerakten in mehreren Frankfurter Hauptschulen. Der Leiter der Friedrich-Stoltze-Schule, seine Lehrer und Mitarbeiter versuchen deshalb, noch näher an die Kinder heranzukommen, wollen noch mehr Hilfe bei Problemen anbieten und erreichen so fast nebenbei, daß die Aggressionen zurückgehen. Denn wenn sich Kinder mit ihrer Schule identifizieren, Integration und Kommunikation erlernen, brauchen sie nicht mehr auf Gewalt zurückzugreifen. "Bei Schubsen ist bei uns Schluß", faßt Weilbächer zusammen.

 

 
"220 Schüler aus 35 Nationen, und "jedes Kind ist ein Sonderfall", sagt der Pädagoge. Es gibt viele traurige Schicksale: Etliche Kinder sind vom Flüchtlingslager traumatisiert, andere müssen seit Jahren die Abschiebung fürchten oder wurden mißhandelt. Immer öfter haben Kinder auch mit den Folgen von Armut oder den oft verheerenden Auswirkungen elterlicher Trennung zu kämpfen. Schlechter können die Voraussetzungen für gemeinsames Leben und Lernen nicht sein.


Um Gemeinsamkeiten in dieser heterogenen Schülerschaft herzustellen, wurden alte Lernformen abgeschafft und neue Möglichkeiten des gemeinsamen Arbeitens gefunden. Schon vor Jahren wurde an der Friedrich-Stoltze-Schule der Frontal- durch Projektunterricht ersetzt. Die Erlebnispädagogik setzt auf neue Erfahrungen und damit verbundenes nachhaltiges Lernen beispielsweise durch Aufenthalte im Schullandheim. Bei der Wochenplanarbeit bereiten die Lehrer die Aufgaben vor und stellen das Material bereit; das Lerntempo und die Reihenfolge ihrer Arbeiten bestimmen die Schüler selbst. In Intensivkursen lernen Kinder, die direkt aus ihren Heimatländern kommen, Deutsch. Jeweils eine von zwei Klassen eines Jahrgangs wird aus Schülern gebildet, die sonderpädagogisch gefördert werden müssen. Dieser "Gemeinsame Unterricht" von behinderten und nichtbehinderten Kindern solle helfen, "das Anderssein anderer Schüler" zu akzeptieren, erklärt Weilbächer das Projekt. Die Schüler der "Schub-Klassen" (Lernen in Schule und Betrieb) gehen zwei Tage in der Woche in einen Praktikumsbetrieb, drei Tage sind sie in der Schule.


Bundesweit einzigartig ist das "Beschulungsprojekt für Roma-Kinder" mit Namen "Schaworalle" (bedeutet in Romanes "Hallo Kinder"). Da viele Roma-Eltern dem deutschen Bildungssystem gegenüber sehr mißtrauisch sind, schicken sie ihre Kinder nur zögerlich, oft viel zu spät in die Schule. Zusätzlich zu diesen Angeboten wird derzeit ein Streitschlichter-System aufgebaut.


Die Friedrich-Stoltze-Schule ist in ein dichtes Netzwerk eingebunden, das aus Vereinen, ständigen Kooperationspartnern, Verbänden und Trägern besteht. Für die Nachmittagsbetreuung erhielt die Schule im vergangenen Jahr sogar den Friedenspreis für Frankfurter Schulen - "in Würdigung ihres Schulkonzeptes, das die einzelnen Schüler auch in krisenhaften Lebenssituationen individuell fördert und das durch die Entwicklung einer Anerkennungskultur wesentlich zum friedlichen Zusammenleben im Stadtteil beiträgt", wie es in der Urkunde heißt. Wenn Schüler sich derart angenommen fühlen, Schule Lücken in Familienstrukturen schließt und gleichzeitig Vertrauen in die positiven Auswirkungen von Bildung schafft, hat Gewalt keine Chance.


Während er das eigene Haus - eine von hessenweit lediglich sechs eigenständigen Hauptschulen - hinreichend im Griff hat, ist der Pädagoge über andere Schulen erbost: "Alles wird durchgereicht." Soll heißen, andere Schulen entledigen sich immer mehr sogenannter Problemkinder, schieben sie auf eine der Frankfurter Hauptschulen ab. "Eigentlich dürfte kein Kind nur wegen seiner Verhaltensweise auf eine Hauptschule geschickt werden", findet Weilbächer. "Der Schulpsychologe kann doch schließlich auch ein Gymnasium besuchen." Problematisch ist nachträgliche Überweisung auch hinsichtlich des Lernerfolges, wie die Untersuchung der Schülerakten ergeben hat: Kinder, die schon mit Klasse 5 die Hauptschule begonnen haben, haben eine sehr viel höhere Chance auf einen Abschluß als Seiteneinsteiger, die auf einer anderen Schulform bereits schlechte Erfahrungen gemacht haben.

 

LISA UPHOFF
 
 

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Frankfurt                       Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.04.2006, Nr. 81, S. 42


Ständig in Alarmbereitschaft
An den Schulen ist es noch ruhig / "Einsatz aller Ressourcen"

 
Eine Eskalation der Gewalt wie in Berlin ist in Frankfurt noch nicht beobachtet worden. Doch Entwarnung will niemand geben. Mancherorts wird so viel Zeit in die soziale Kontrolle investiert, daß der Lehrstoff zu kurz kommt.


Jeder Tag eine neue Herausforderung: "Wir müssen höllisch auf der Hut sein und dürfen in unseren Anstrengungen nicht nachlassen - auch wenn die Situation derzeit unter Kontrolle ist und wir weit von Berliner Verhältnissen entfernt sind." So faßt Michael Damian, Referent von Schuldezernentin Jutta Ebeling (Die Grünen), die Situation an den 156 Frankfurter Schulen zusammen. Eine Eskalation von Gewalt gebe es nicht, bestätigen auch Schulleiter und Gewerkschaft. Dafür waren in den vergangenen Jahren allerdings "ein hartes Stück Arbeit und der Einsatz aller Ressourcen notwendig". Entwarnung will niemand geben, denn "die Probleme wie in Berlin sind auch bei uns in Ansätzen schon vorhanden, und ich will nicht ausschließen, daß eine Eskalation schneller auf uns zukommen könnte, als wir glauben", sagt Hessens GEW-Vorsitzender Jochen Nagel. Mitte der neunziger Jahre habe eine solche Entwicklung in Frankfurt schon einmal unmittelbar bevorgestanden, so Damian.


Die meisten Fälle von Gewalt regelt die Schulgemeinde selbst, nur ein Bruchteil landet beim Staatlichen Schulamt Frankfurt. Dort werden bei schweren Vergehen Anträge auf Verweis von der Schule oder Überweisung des Schülers an eine andere Einrichtung der gleichen Schulform gestellt; letzteres ist die mildere Form der Sanktion. Rund 90 derartige Ordnungsverfahren seien im vergangenen Jahr wie auch in den Jahren zuvor registriert worden, berichtet Bernd Melzer, Jurist beim Schulamt - bei rund 80 000 Schülern in der Stadt und einzelnen Schulen mit 95 Prozent Zuwandererkindern eine geringe Zahl. Fast immer geht es in solchen Fällen um schweres Fehlverhalten wie Schlägerei, Erpressung, sexuelle Belästigung und Drogendelikte. "Ganz selten gibt es auch einmal Gewalt gegen Lehrer, meist aber nur verbal", so Melzer.


Damit die Gewalt schon im Keim erstickt wird, gibt es in Frankfurt seit Jahren eine Vielzahl an Projekten, beginnend bei der Sprachförderung schon in den Kindertagesstätten. "Meine-Deine-Unsere-Sprache" heißt die verpflichtende Sprachschulung in allen Kitas. Bilinguale Zweige an zehn Frankfurter Schulen, "Koala" (Koordinierte Alphabetisierung im Anfangsunterricht für Kinder mit türkischer Herkunftssprache), "Frühstart", "Mama lernt Deutsch" und viele andere Programme kommen hinzu.


Daneben gab es an vielen Schulen schon vor Einführung der sogenannten Erziehungsvereinbarungen verbindliche Hausregeln oder Mentorensysteme, bei denen ältere Schüler jüngeren helfen. Die Fortbildung von Lehrern und Schülern zu Streitschlichtern, Selbstverteidigungskurse, der Friedenspreis der Frankfurter Schulen sowie "Corporate identity"-Projekte, bei denen Schüler ihre Schule mitgestalten, tragen ebenso zur Befriedung bei wie die Schulsozialarbeit. 1,3 Millionen Euro investiert das Jugendamt jährlich hierfür, eine weitere halbe Million das Schuldezernat. Hinzu kommt die enge Zusammenarbeit vieler Schulen mit den beiden Jugendkoordinatoren der Polizei.


Außerdem haben viele Schulen ein individuell auf die Schülerschaft zugeschnittenes Gewaltpräventionsprogramm, wie beispielsweise die Paul-Hindemith-Schule. Die Pilotschule hat Schüler aus 41 Nationen. Schon in Klasse 5 werden vier Tage dem Thema Gewalt gewidmet, in Klasse 7 gibt es zwei Wochenstunden im Fach "Konflikte lösen". Zudem ist die Integrierte Gesamtschule "Teamschule": Acht bis zwölf Lehrer begleiten den Jahrgang die ganze Schullaufbahn über. Dadurch wird Anonymität abgebaut, die Gewaltbereitschaft sinkt nachweisbar.


Auf Vertrautheit, direkte Ansprache und Konsequenzen setzt auch Hans Werner Jorda, Leiter der Sophienhauptschule. "Kleine Schule, kleine Probleme", faßt er zusammen. Bei 250 Schülern sei es gerade noch möglich, jeden Regelverstoß zu registrieren und sofort und angemessen zu ahnden. "Bei 500 Schülern müßte ich die Schule schließen", so Jorda. Es gebe auch deshalb keine Exzesse an der Schule, "weil unser Kollegium die gesamte Energie in die Sozialkontrolle steckt - der Bildungsauftrag muß darunter natürlich manchmal leiden".


In der Friedrich-Stoltze-Hauptschule setzt Leiter Felix Weilbächer auf eine Schulkultur des "Miteinanderlebens und -arbeitens bei gegenseitiger Anerkennung". Handfeste Auseinandersetzungen sind in dieser familiären Atmosphäre selten: Spätestens beim Schubsen ist Schluß.

 LISA UPHOFF

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Frankfurt                       Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.09.2000, Nr. 219, S. 67


Wir sind die Sozialstation von Bockenheim
Die Jugendlichen an der Sophienschule sind freundlich und voller Hoffnung - aber sie haben es schwer, sich in der Realität zu behaupten


 
Die breiten Oberkörper in enge T-Shirts gezwängt, die muskelbepackten Arme demonstrativ vor der Brust verschränkt, das Kinn energisch nach vorn geschoben: Aggression in jeder Faser, Ablehnung in jedem Blick - so scheint es. Ein angriffslustiger Haufen, eine furchterregende Horde - so sieht es aus. Halbstarke von der Art, der man nachts nicht begegnen möchte, auf dunkler Straße oder in engen U-Bahn-Aufgängen - so glaubt man. Doch das ist ein Klischee, ein Trugbild. Denn für die zierliche Frau, deren hochgesteckte Haare den verletzlichen Nacken bloßlegen, weichen die Jugendlichen sofort zurück, werden freundlich und sanft wie Kinder.


So vieles täuscht hier hinter den dicken Mauern, die eine "heile Welt" nach außen hin absichern. Hier, wo die Schüler so aussehen, als ob sie ihre Lehrer mit einer Handbewegung krankenhausreif schlagen könnten, aber es doch nie tun würden. Weil ihre Ausbilder oft der letzte Rettungsanker sind, weil sie ihre Lehrer brauchen, sie akzeptieren und sogar mögen - hier in der Sophienschule, an der es so friedlich zugeht und die doch ein so schlechtes Ansehen hat. Die Hauptschule in Bockenheim: Erst will keiner hin, aber wer erst einmal dazugehört, ist begeistert, Lehrer wie Schüler.


Die Mädchen und Jungen der 9 a - sie sind zwischen 14 und 17 Jahre alt - wissen entweder überhaupt nicht, was sie werden wollen, oder sie wollen hoch hinaus. Schließlich sei er der Star seiner Fußballmannschaft, meint der 16 Jahre alte Dragan aus Jugoslawien. Das mit der Karriere sei nur noch eine Frage der Zeit. Alle Formalien werde der Manager regeln, darum müsse er bestimmte Dinge gar nicht erst lernen. Der ein Jahr ältere Atalay, der demnächst die deutsche Staatsbürgerschaft bekommt, bezeichnet sich als "Noch-Türke". Er ist sich sicher, daß er "einfach nur faul" war. Zwei "Ehrenrunden" hätten ihn nun zur Besinnung gebracht: "Wenn ich nur ein bißchen aufpasse, geht das ganz einfach." Bis dahin verdiene er nebenbei als Fitneß- Trainer Geld. Auch Jakov aus Kroatien, den seine "Schulkarriere" vom Gymnasium über die Realschule bis zur "Endstation" Sophienschule führte, ist optimistisch. Er arbeite seit langem immer wieder mal auf dem Bau, die Chefs dort kennten ihn, "und die stellen mich nach der Schule auch ein, egal, welche Zensuren ich habe", weiß Jakov.


Von Frustration, Resignation oder Zukunftsangst keine Spur. Drohende Arbeitslosigkeit und mangelnde Ausbildungsplätze sind hier kein Thema. Die Tatsache, daß die meisten Arbeitgeber den Nachwuchs inzwischen aus Realschülern oder Gymnasiasten rekrutieren, ist unter den "schon fast Erwachsenen" anscheinend nicht bekannt. Anders als in Bayern, wo immerhin rund 40 Prozent jedes Jahrgangs die Hauptschule besuchen, wurde diese Schulform in Hessen zur "Rest-Schule" degradiert. Wegen des erklärten Ziels der einstigen rot-grünen Bildungspolitik, jeder Schüler müsse eigentlich einen Realschulabschluß schaffen können, wurden Hessens Hauptschulen zum Auffangbecken für Lernschwache und Problemfälle. Die beruflichen Chancen der Abgänger sind minimal.


Trotzdem haben Dragan, Jakov, Atalay und Co. keine Sorgen, fühlen sie sich keineswegs als Verlierer der Gesellschaft. Karl-Heinz Burke lächelt, zu genau kennt der Klassenlehrer seine Schützlinge. "Das Prinzip heißt Verdrängen und maßlose Selbstüberschätzung", löst der Pädagoge den Widerspruch auf. Perspektivisches Denken sei den meisten seiner Schüler nicht möglich. Mental seien sie zudem noch gar nicht in der Lage, eine Ausbildung zu absolvieren. Gemeinsam mit seinen 18 Kollegen und Schulleiter Hans Werner Jorda sitzt der "Feld-Wald-und-Wiesen-Lehrer", wie er sich selbst nennt, bei selbstgebackenem Kuchen und energiespendenden Traubenzucker-Bonbons im engen Lehrerzimmer. In den Pausen werden hier in familiärer Atmosphäre die kleinen und großen Nöte der insgesamt 250 Schüler aus 30 Nationen in 13 Klassen besprochen.


Das Hauptproblem aber bekommen die Pädagogen nicht in den Griff: ihren Zöglingen genügend Wissen zu vermitteln. Das liegt meistens nicht nur an den mangelnden kognitiven Fähigkeiten der Schüler, sondern auch am sozialen Umfeld und an der Einstellung. Tief eingegraben habe sich bei den Jugendlichen die "Konsum- und Anspruchshaltung, gepaart mit dem Spaßprinzip", erläutert Lehrer Burke. Rektor Hans Werner Jorda sagt: "Die Schüler wissen, daß ihnen immer jemand hilft, wenn es fünf Minuten vor zwölf Uhr ist, auch wenn es drei Sekunden vor zwölf ist, und sogar einige Minuten nach zwölf gibt es immer noch drei Sozialarbeiter, die alles ausbügeln. Warum sollen sie sich da anstrengen?" Die Schüler seien "over-protected", also in jeder Hinsicht überversorgt. Nach der harten Zeit von "Null Verständnis" sei die Toleranzgrenze in den vergangenen Jahren des "Laisser-faire" im Alltag ins Unendliche hochgeschnellt. "In der Schule ist es darum unser oberstes Ziel, den Schülern Grenzen zu setzen", sagt Jorda.

 
Hinzu kommen die oft schwierigen sozialen Verhältnisse der Schüler, die in der Schule kompensiert werden müssen. Mindestens ein Drittel der Zeit werde im Schulalltag für Erziehung und nicht für Wissensvermittlung benötigt, rechnet Karl-Heinz Burke vor. An jedem Montag sitzen Schüler und Lehrer erst einmal locker im Kreis zusammen und plaudern. Denn: "Am Wochenende laufen unsere Leute aus dem Ruder. Wenn sie montags zu uns in den Unterricht kommen, haben sie zwei Tage lang keine festen Strukturen gehabt, daran müssen sie sich erst wieder gewöhnen", weiß Jorda. Der Ausländeranteil in der Sophienschule liegt bei 80 Prozent. Gerade ausländische Familien seien mit der Erziehung in einer deutschen Großstadt überfordert. Viele Schüler seien emotional unterversorgt. Zur Kompensation all dieser Probleme wurden für den Nachmittag Arbeitsgemeinschaften eingerichtet, ein Hort für die Frühbetreuung installiert und das Mayday-Schülercafé eröffnet.


Das Fazit ist erschreckend und erfreulich zugleich: Die Kinder und Jugendlichen in der Sophienschule verfügen über eine hohe soziale Kompetenz, besitzen aber nur begrenzte intellektuelle Fähigkeiten. Sie sind freundlich, aber ungebildet und nicht gewillt, sich in der Realität zu behaupten. In der Schule sei es "wahnsinnig toll", meint ein 17 Jahre altes Mädchen der Klasse 10. Sie habe gar keine Lust, arbeiten zu gehen, denn "die Schule geht nur bis mittags, dann fahr' ich nach Hause, schlaf' ein bißchen und treffe mich dann mit meinen Freunden. Von mir aus könnte das immer so weitergehen." Nach dem Abschluß will sie Zahnarzthelferin werden. "Ich hab' gehört, die können auch schon immer mittags nach Hause gehen."


Irgend etwas muß passieren, weiß Rektor Jorda, während er in seinem Zimmer am Tisch Platz nimmt. Es sei richtig gewesen, die Schüler in den vergangenen Jahren zu umsorgen, ihnen jede mögliche Hilfestellung zu geben, damit der Alltag ohne Schlägereien und allzu großes Geschrei vonstatten gehen könne. Doch um die Schüler an die Realität zu gewöhnen, müsse "das Lernen neu definiert werden", müßte wieder mehr Wert auf Leistung gelegt werden. "Wir sind hier die Sozialstation von Bockenheim. Das kann eine Schule eigentlich nicht leisten."


Es klopft, eine junge Lehrerin bittet um Rat. Draußen sitze ein Vater mit seiner Tochter. Er habe sie geschlagen, hat die Schülerin der Lehrerin erzählt. Doch mit einer Frau will der türkische Mann nicht über die Sache reden, also soll der Schulleiter die Fronten klären. Hans Werner Jorda steht auf, zuckt im Hinausgehen mit den Achseln: "Was soll ich machen? Wir können die Leute doch nicht einfach mit ihren Problemen alleine lassen."



 

LISA UPHOFF
 
 

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Zum Schnuppern in die Hauptschule

 

Gymnasiasten in der Hauptschule

– Ricarda-Huch-Schüler aus Dreieich besuchten die Sophienschule in Bockenheim (pcb) 

Eine ganz  andere Welt



„Wir sind halt auf einer Hauptschule, einer Assischule“, meint ein Hauptschüler von der Sophienschule resigniert zu den Besuchern. Wir von der Ricarda-Huch-Schule wollen bei unserem Besuch auf der Sophienschule mehr über den Arbeitsalltag eines Streetworkers und seine Erfahrungen mit sozial schwachen Jugendlichen erfahren.


Das „Cafe Mayday“ gibt es schon seit sechs Jahren. Die Hauptschüler haben dort in der Pause die Möglichkeit, sich etwas zu essen und zu trinken zu kaufen.


In die Sophienschule gehen zu 95 Prozent Migrantenkinder, daher ist es nicht verwunderlich, dass im „Cafe Mayday“ drei Streetworker arbeiten, die den Jugendlichen zu helfen versuchen, eine neue Perspektive für die Zukunft zu finden.


Winfried Klein, einer der drei Streetworker, meint, dass leider nur zwei von 45 Schülern einen Ausbildungsplatz bekämen. Der Rest verliere sich nach der Schulzeit wahrscheinlich in sinnlosen Fördermaßnahmen des Arbeitsamtes.


Ein immer größer werdendes Problem sei die wachsende Gewaltbereitschaft und Respektlosigkeit der jüngeren Schüler. Hingegen seien die Fälle des Drogenmissbrauchs im Laufe der Jahre stark zurückgegangen. Der Umgangston zwischen den Hauptschülern sei ziemlich rau, allerdings nähmen sie Beleidigungen untereinander nicht sehr ernst.


Das Erschreckende jedoch sei, dass sich die Schüler der Sophienschule teilweise selbst als „dumm“ und „minderwertig“ ansähen. Gründe dafür gebe es viele: Meist seien es Vernachlässigung und Gewalt im Elternhaus. „Eine Arbeit mit diesen Schülern ist dann meist kaum noch möglich.“


Da sich das Cafe Mayday in einem Container befindet, und dieser, trotz der gemütlichen Inneneinrichtung, schon ziemlicher heruntergekommen ist, ist der größte Wunsch der Streetworker ein festes Gebäude für ihre Einrichtung.


Autoren: Jan Eric Filipczak, Lisa Schlaefcke, Melanie Hoffmann.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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